Teufelskanzel, Lydiaturm und ein verweigerter Hitlergruß

14. September 2020

Heute frühstücke ich sehr lange und bin gedankenversunken in meine Lese-Unterlagen vertieft. Ich komme nicht so recht in die Puschen, obwohl ich heute 14,3 Kilometer wandern will. Ausgesucht habe ich mir den Höhenwander-Rundweg (ML1) um den Laacher See, auf dem einige Steigungen zu überwinden sind.

Endlich – ein viertel Stündchen nach Highnoon – breche ich auf. Es ist sonnig und sehr, sehr warm. Der Weg wird als einer der schönsten Wanderwege rund um das Gebiet des Laacher Sees gepriesen. ‚Schaun mer ma‘, wie Kaiser Beckenbauer immer zu sagen pflegte.

Der Lydiaturm und eine Gedenktafel
Die Beschilderung ist auch hier nur befriedigend. Ich nehme ein paar Mal Google zu Hilfe. Gott sei Dank ist der Empfang gut. Dafür ist heute für viel mehr Ruhe gesorgt. Ab und zu kreuzen ein paar Wanderer oder ein Mountainbiker meinen Weg. Ich kann wieder genießen, nachdenken und gleichmäßig Schritt für Schritt meinem Ziel entgegenlaufen. Ich bin zufrieden und ganz bei mir.

Nach stetigem Bergauf erreiche ich das Hotel Waldfrieden, hinter dem der Lydiaturm mit mehr als 100 Stufen und einer Rundumsicht mit Blick auch auf Mendig, meinem Geburtsort, liegt. In dieser Gegend soll es die ‚Breitblättrige Stendelwurz‘, die 2006 zur Orchidee des Jahres gekürt wurde, geben. Ich habe sie leider nicht gefunden. Wahrscheinlich ist ihre Blütezeit bereits beendet, sehr schade. Jetzt besteige ich mit sehr gemischten Gefühlen den Turm und klebe dabei unmittelbar an der Turmwand. Warum? Weil meine Höhenangst mir zu schaffen macht. Aber mein Tatendrang und meine Beharrlichkeit bringen mich sicher auf die Aussichtsplattform. Der Blick auf den Laacher See und die Vulkaneifel ist fantastisch.

Zurück beim Hotel Waldfrieden entdecke ich eine Gedenktafel an der Hauswand.
Zwei Pfarrer haben hier am 27. Mai 1940 Reichsmarschall Hermann Göring den Hitler-Gruß verweigert. Sie wurden umgehend verhaftet und starben 1942 im Konzentrationslager Dachau, nachdem sie bereits seit Mitte der 1930er Jahre überwacht wurden. Ich stehe hier einige Minuten mit dem Gefühl vollster Hochachtung für die standhaften Männer.

Hitlergruß – Verweigerung

Traumpfad zur Teufelskanzel
Dann wandere ich ein Teilstück auf dem Traumpfad Pellenzer Seepfad.
Die Tour führt durch dichten Mischwald mit vielen Buchen. Durch die Stille höre ich ununterbrochen die Bucheckern mit ihren Kapseln auf den weichen Waldboden fallen. Es wird ziemlich steil und ich mache ein längeres Picknick-Päuschen, bei dem ich meine Heimat noch nie so intensiv gespürt habe, wie heute.

Anschließend gelange ich entlang einer Felsnische zum Felsvorsprung „Teufelskanzel“. Damit stehe ich direkt auf dem Basaltschlacken-Vulkan Krufter Ofen. Der Panoramablick von hier schweift über das gesamte Neuwieder Becken.
Der idyllisch gelegene Krufter Waldsee – Teil des Traumpfades – schlummert ruhig vor sich hin.

Durch einen dichten Buchenwald geht es weiter zur Ahrefeld-Schutzhütte. Eine lauschige Bank lädt mich zu einer letzten Wanderpause ein. Just in diesem Moment kommt ein junger, offensichtlich stummer Wanderer vorbei, um hier zu picknicken.
Ich verlasse den beschaulichen Ort und teste das Männlein mit den Worten „Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag“, worauf ich tatsächlich eine 5-Buchstaben-Antwort erhalte – „DANKE“.

Ich steige jetzt unaufhörlich wieder hinab zum Laacher See, der übrigens DAS landschaftliche Kleinod der Osteifel ist. Er ist rund 3,3 km² groß und über 50 m tief. Ich kehre noch in unser Camping-Blockhaus ein und chille danach entspannt auf meiner Womo-Terasse.

Ein Primitivo, leckeres Essen und Gespräche der besonderen Art
Es ist soweit. Ich laufe zu Thomas rüber, der zweifellos einen der schönsten Dauer-Premiumstellplätze des Campingplatzes hat – mit einem tollen Blick über den ganzen See. Wir grillen und lassen uns einen wunderbaren Rotwein munden. Dabei entwickeln sich interessante Gespräche.

Ich habe es mit einem authentischen, schlagfertigen, offenen und manchmal auch einem süffisanten Thomas zu tun – das jedenfalls ist mein erster Eindruck. Und es gefällt mir. Er verrät mir auf meine Frage sein Sternbild. Er ist ‚Löwe‘, und dieses Sternzeichen passt wie die Faust aufs Auge zu ihm – wie ich finde. Im weiteren Verlauf des Abends zeigt sich ein stolzer, selbstbewusster Gesprächspartner, der nicht ungern im Mittelpunkt steht. Es ist keine Spur langweilig, im Gegenteil, und ich wittere Konkurrenz!! Ich schlage mich gut auf der ‚Stellplatz-Bühne‘ und habe viel Spaß an diesem Abend. Der Rotwein wirkt und ich beschließe kurz vor 24 Uhr wieder zu Fiete zu gehen.

15. September 2020

Nachdem ich Fiete – natürlich wieder mit Überraschungen – reisefertig gemacht habe, von Thomas gute Wünsche für die Heimreise auf den Weg mitbekomme, checke ich aus. Ach ja, noch ein paar Worte zur Überraschung: Die Klappe, hinter der der WC-Behälter ist, hat sich durch die intensive Sonneneinstrahlung mal wieder verklebt. Beim dritten Versuch öffnet sich das dumme Ding und ich bin stolz wie Oskar! Selbst ist die Frau!!!
Die Rechnung ist saftig, aber der Aufenthalt hier war lohnenswert. Geärgert habe ich mich über die Reservierungs- und Stromanschlussgebühr. 20 €uronen für nix!

Mendig ist nur 4 Kilometer von hier entfernt, was mich natürlich dazu bewegt, meiner Geburtsstadt noch einen kurzen Besuch abzustatten. Ich fahre vorbei an der typischen Basaltarchitektur, den Krotzenhäusern, und stehe wenig später in der Thürerstraße vor dem Haus, in dem meine Großeltern wohnten. Ich versuche mich, an früher zu erinnern, aber die Gefühle sind ambivalent und nicht sehr tief.

Im Vulkan-Brauhaus, das mit 30 Meter den tiefsten Bierkeller der Welt hat, kaufe ich mir noch eine Tüte Bier und fahre auf die Autobahn. Ohne Stau komme ich in Frankfurt an. Aus- und einräumen ist angesagt, es ist schwülwarm und ich springe schnell noch unter die Dusche. Dann starte ich schon wieder zu einem nächsten Highlight: meiner Verabredung mit einer Ex-Kollegin. Wir gehen zusammen essen.

ZDF – Zahlen, Daten, Fakten
Start 19912 km
Ziel 20071 km
Strecke 159 km
durchschnittlich 9,6 Liter
durchschnittlich 78 kmh
Fahrzeit 2 1/4 Stunden

 

 

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