Feldkirch – Mittelalter, Bordelle und Literatur

Montag, 31.08.2020

Ein vorsichtiger Blick aus dem Fenster bringt gute Nachrichten: Der Dauerregen der letzten beiden Tage ist gegessen. Das Gebiet um Bludenz ist glimpflich davongekommen. Es gab Landesteile mit einer Niederschlagsmenge von 300 Liter pro m²!!!! Kaum zu glauben, aber wahr. Das Tessin war am Schlimmsten betroffen.

Regenwolken ziehen nochmal auf

Der letzte Augusttag zeigt sich teilweise sonnig, meist bedeckt aber ohne Regen. Das ist doch schon mal was. Ich entschließe mich spontan für eine Stadtbesichtigung von Feldkirch.
An der Rezeption hole ich mir eine für mich kostenfreie Zugfahrkarte – ein toller Service für die Gäste vom CP Sonnenberg! Immerhin spare ich 7,30 €uro.
Bis zum Bahnhof sind es rund 1,5 Kilometer zu Fuß. Mein Rad kommt hier nicht zum Einsatz. Den Berg zum Campingplatz schafft man nur mit Unterstützung oder als Tour-de-France-Gewinner!!!! Die ÖBB kommt pünktlich und 40 Minuten später bin ich in Feldkirch. Hier bemerke ich, dass ich doch tatsächlich meine Kamera bei Fiete vergessen habe.

Die westlichste Stadt Österreichs ist die am besten erhaltene mittelalterliche Stadt Vorarlbergs und liegt zu Füßen von der trutzigen hochmittelalterlichen Schattenburg. Sie ist eine der besterhaltenen Burganlagen Mitteleuropas und heute ein Museum.
Durch den Ort fließt – derzeit recht heftig – die rechtsrheinische Ill, 75 km lang und größter Nebenfluss des Alpenrheins.

Ja, wie schon gesagt, das Wetter ist anfangs richtig schön. Bevor ich durch die verwinkelten Gassen bummle, erklimme ich deshalb erstmal die Schattenburg. Von dort habe ich einen herrlichen Blick auf den Ort. Zufällig entdecke ich ein Hinweisschild zur ‚Kapelle zur schmerzhaften Mutter‘, die auf 486 Meter Höhe liegt und nur 10 Wanderminuten entfernt ist. Nix wie hin. Der Weg war schön, die Kapelle eine einzige Enttäuschung: verfallen und zugenagelt.

Auf dem Rückweg entdecke ich am Bahnhof ein Zitat an der Wand. Ich google mich schlau und erfahre, dass dies von einem irischen Schriftsteller namens James Joyce und aus dessen Weltliteratur-Roman „Ulysses“ stammt. Er verarbeitet dort eigene Erfahrungen, die er teilweise in Feldkirch gemacht hat.

Kirche am Bahnhof mit James Joyce Zitat

ZITAT: „Als der Zug langsam in Feldkirch einfuhr und man die großen Kegel der                           Scheinwerfer sah, hatte ich wenig Hoffnung. Der Tag dämmerte bereits, mein                               Puls  klopfte mit dem Ticken der Uhr. Wenn man nur schon raus wäre. Jede Sekunde  kann irgendeine Wendung bringen, jede Ablösung eines Grenzbeamten eine neue                      Verdächtigung und die ganze Komödie war umsonst.“

Zurück in der historischen Altstadt entdecke ich drei der ehemals fünf Stadttore, besichtige den Dom St. Nikolaus mit seinem üppigen Altar und einer bemerkenswerten Kanzel und bekomme jetzt Hunger. Ich finde in der Marktgasse ein nettes Restaurant und kann sogar draußen sitzen und ein schmackhaftes Lunch verspeisen.

Die charmante Stadt ist wirklich ein bauliches Juwel. Ich komme am bemalten Rathaus vorbei, der alten Johanniterkirche am Ende der Marktgasse, am Kapuzinerkloster und der Villa Claudia, dem heutigen Standesamt von Feldkirchen. Am Ardetzenberg wird sogar Wein angebaut. Über die Ill führt ein neuer Holzsteg und ich entdecke ‚Kunscht‘ gegenüber des Wasserturms.

Dann führt mich mein Weg in die Rosengasse, in der es im Mittelalter ein großes Bordell gab, genau an der Stelle, wo heute das Elektrizitätswerk steht. Als Zunftzeichen war eine Rose an der Haustür.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof stoße ich mal wieder auf einen Jakobsweg. Durch Feldkirch führt der „Landeck-Einsiedelei-Weg“. Er ist genau 197 km lang.

Ich kaufe noch schnell ein paar Leckereien bei Billa und muss nicht mehr lange auf meinen Zug warten. Um halbfünf bin ich wieder bei Fiete, ruhe mich kurz aus und bekomme plötzlich einen Putz- und Aufräumfimmel.
Ich fülle nochmal Wasser in den Frischwassertank und siehe da, es bleibt drin!! Klasse, denke ich. Ich mache testweise die Toiletten-Spülung an und schwupps, läuft das Wasser wieder aus. Ganz großes Camper-Frischwasser-Kino!!! Ich lese mich im Internet durch zahlreiche Pössl-Foren und schreibe mir dann letztendlich die Telefonnummer vom Moser in Mainz auf. Dort werde ich mir einen Termin geben lassen müssen.

Wolkenbild am Abend

Ich habe trotzdem einen schönen chilligen Abend und sehe zum ersten Mal fern.

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