120 Millionen Mosaikwürfel und ein traumhafter Strand in Punta Barccetta Camerina

Sonntag, 18. Juni 2017
Daten – Zahlen – Fakten

Ich stehe früh auf und überrenne fast zwei Pferde, die direkt vor unseren Wohnmobilen grasen. Der Himmel leuchtet strahlend blau, die Sonne versteckt sich noch hinter den hohen Bäumen des landwirtschaftlichen Betriebes, es ist absolut still und ich mache einen kleinen Rundgang. Das Anwesen macht keinen guten Eindruck, der Pool liegt brach, der Außenbereich des Restaurants ist nicht gepflegt, ich vermute wirtschaftliche Schwierigkeiten. Danach sitze ich noch ein wenig in der Stille, genieße die Sonne und lese bis Klaus aufsteht.

Wir fühlen uns hier nicht wohl und frühstücken schnell, zahlen 65 € für das Überraschungsessen und den Stellplatz mit Strom, Dusche und WC und starten um halbelf über Piazza Armerina zur Villa Romana del Casale, einem bemerkenswerten Landhaus am Fuße des Monte Mangone von 320 bis 350 n.Chr., das zu den schönsten Bauten der römischen Antike zählt (seit 1997 UNESCO-Welterbe). Das können wir nur bestätigen.
Die hier freigelegten Mosaike, die aus 120 Millionen Steinchen bestehen, gelten als die schönsten und besterhaltenen ihrer Art. Im 12.Jahrhundert wurde die Villa von Wilhelm I. zerstört und später bei einem Erdrutsch unter Schlamm begraben. Das ist der Grund, weshalb die 3500 m² Mosaikfläche bestens erhalten blieb. Erst Mitte des 20.Jahrhunderts begann man, die Reste des Landhauses auszubuddeln.

Auf der Fahrt zu unserem Ziel entdecke ich einen laut singenden italienischen Eisverkäufer. Die einzelnen Eistöpfe in seiner fahrenden Eisdiele glitzern mit ihrem blankgeputzen Aluminium in der Sonne. Dann bietet sich eine kleine Möglichkeit für ein Foto von Piazza Armerina, einer glanzvollen Kunststadt mit glorreicher Vergangenheit und einem intakten historischen Stadtbild. Sie thront unübersehbar mit ihren verschachtelten Häusern auf dem Monti Erei im Hinterland des Golfs von Gela. Schade, dass wir sie unentdeckt links liegen lassen müssen. Die Villa ruft. Prioritäten sind gefragt.

Piazza Armerina

Dort hat sich seit meinem ersten Besuch in 2010 eine Menge verändert. Die Restaurierungsarbeiten sind abgeschlossen, es gibt einen riesengroßen Parkplatz und die Landstraße ist für den Durchgangsverkehr jetzt gesperrt.
Ein Bus spuckt gerade eine Menge Kunstinteressierte aus. Wir beeilen uns, um vor der schnatternden Touri-Masse in die Villa zu kommen. Es gelingt uns teilweise, aber einen solchen historischen Schatz hat man nie für sich alleine.
Wir gehen auf Laufstegen und Stahlgittern durch die Räume der Ausgrabungsstätte, um die wertvollen Mosaike zu schonen. Klaus ist sehr beeindruckt und interessiert. Mich begeistern insbesondere die einzelnen Szenen der Bodenmosaike und ihre Farben.

Nach 2 ½ Stunden Geschichte fahren wir mit Fiete nach Caltagirone,  einer der spätbarocken Städte des Val di Noto und seit 2002 UNESCO Weltkulturerbe. Caltagirone ist die Keramikmetropole Siziliens schlechthin.
Mein Interesse liegt nicht an den bunten Keramiksachen, sondern am Wahrzeichen der Stadt, der Scalinata Santa Maria del Monte, einer Freitreppe mit 142 Lavasteinstufen, die mit handbemalten Fliesen, welche die Geschichte der Keramikerstellung zeigen, verziert sind.

Fiete hat einen offiziellen Parkplatz, wir schnabulieren ein paar unsere Köstlichkeiten und gehen hinauf in die barocke Altstadt, in der sich eine Keramikwerkstatt an die andere reiht. Wir lassen uns treiben und erreichen die Piazza del Municipio, wo die berühmte Treppe zur Chiesa Santa Maria del Monte (1606-16) führt. Natürlich ist es wieder sehr warm und sonnig. Wir schleppen uns die 142 Stufen hinauf, genießen dort den Ausblick auf die Altstadt und entdecken neben der Piazza Umberto I mit dem Dom San Giuliano (16./17. Jahrhundert) ein nettes Café. Hier machen wir ein Break,schlabbern Eis und trinken Café, bevor wir zurück zu Fiete gehen.

Heute ist Strand angesagt. Wir wollen nach Punta Braccetta, Santa Croce Camerina. Hier heißt das Meer ‚Straße von Sizilien‘. Punta Braccetta liegt im Südosten, nicht weit entfernt vom südlichsten Punkt Europas, und war seit der prähistorischen Epoche besiedelt. Von den Byzantinern und Normannen wurde die Bucht als Anlegestelle zur Sicherung ihrer Schiffe genutzt. Im Gebiet der „Canalotti“ landeten 1943 auch die Alliierten. Wir fahren an riesigen Treibhauskulturen vorbei, gar nicht schön anzusehen. Sie tragen aber zum Wohlstand dieser Region bei, die – erzählt man – heute noch weitgehend Mafia-frei ist.

Um 18 Uhr beziehen wir Quartier im Golf von Gela beim Camping Baia dei Coralli‘ auf einem suuuuuper Stellplatz, denn die Wochenend-Italiener sind gerade im Aufbruch! Wir haben sogar ein eigenes Bad!!  Wir werden mit Handschlag begrüßt und herumgeführt. Der Platz, für den wir uns entscheiden, liegt direkt über dem Sandstrand und dem kristallblauen Meer mit Blick auf den verfallenen Torre Vigliena am Ende der Bucht. Schnell haben wir uns eingerichtet und speisen fürstlich mit bestem Rindersteak vom Grill. Die Sonne geht mit dramatisch wirkenden Wolken unter, wir sitzen gemeinsam mit tausenden von Fliegen noch lange draußen, genießen die Ruhe nach dem Villa Romana-Tourirummel und vor allem den fantastischen Ausblick. Ich töte mit der Fliegenklatsche gefühlte einhundert dieser krabbelnden Tiere. Unter diesem Erfolg muss die Klatsche leiden – der Stil bricht ab.

Das Meer rauscht, es ist sternenklar, die Luft riecht nach Salz und eine Zwergohr-Eule macht sich rufend bemerkbar. Wir urlaub’n!!!

2 Kommentare

    • Jaaaa, das finde ich auch.
      Bin jetzt ziemlich fleißig und veröffentliche heute noch den letzten Sizilientag. Dann fehlen nur die die drei letzten Heimfahrt-Tage.
      Hier ist alles deutlich entspannter.
      Liebe Grüße, Ingrid

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