Barbarossa, Stahl meets Backstein und Tor zur großen weiten Welt

Freitag, 15. Oktober 2021

Ich höre es schon! Menno – starker Regen prasselt auf Fietes Dach. Na toll, den Tag kannste abhaken, denke ich enttäuscht. Der Wetterbericht aber verspricht Sonne. Also fahre ich schnell in die City und richtig, ich komme an und der Himmel lockert auf. Es ist ziemlich kalt.

Tagsüber auf dem Kiez

Erstes Ziel ist der Kultstadtteil St. Pauli und der Kiez. Ich will morgen mit Karen ins Panoptikum, Deutschlands ältester Welt aus Wachs, und hatte gestern Abend im Web zwei Online-Karten gebucht, die ich jetzt abholen will. Das erweist sich jedoch als bitterer Trugschluss. Ich bin ärgerlich, und muss unverrichteter Dinge wieder gehen – nicht ohne gehörig zu meckern.

St. Paulis Herz schlägt auf der Reeperbahn – nachts!
Lebhafte Bars und Nachtclubs locken Partygänger ins berühmt-berüchtigte Rotlichtviertel. In den Seitenstraßen sind Theater wie das Schmidts Tivoli und das Operettenhaus angesiedelt. Ohne blinkende Lichter und Publikum wirkt St. Pauli ausgestorben und ein bisschen schmuddelig. Die 24stöckigen Tanzenden Türme – Hotel, Büros und Musik-Club – wachen über dem Nichtgeschehen. Die legendäre Davidwache am Eingang zur Davidstraße mit ihren Prostituierten, versucht Ordnung ins Vergnügungschaos zu bringen, jetzt ruht man sich aus. Für die 60 Meter lange und verbarrikadierte Bordellstraße Herbertstraße, die Arbeitsort für 200 Frauen aus dem Sexgewerbe ist, ließ die NS-Gauleitung 1933 Sichtblenden anlegen, damit man nicht sehen konnte, was nicht sein durfte. Auch hier tote Hose, wahrscheinlich manchmal im wahrsten Sinne des Wortes!!!  🙂  🙂  🙂

Hamburger Hafen – Das Tor zur Welt

Jetzt aber erstmal die große weite Welt im Hamburger Hafen mit der 62er Fähre nach Finkenwerder genießen. Ich schreite die Willi-Bartels-Brücke hinunter zu den Landungsbrücken – Wasserbahnhof und Wahrzeichen zugleich. Es sieht nicht nur so aus, nein, das Tor zur weiten Welt zieht mich neben der Speicherstadt mit der Elbphilharmonie magnetisch an. Zehn Brücken führen hinab zum 700 Meter langen Schwimm-Ponton, der direkt unterhalb des markanten Tuffsteinbaus mit seinen kupfernen Kuppeln und dem Glocken- und Pegelturm von 1909 liegt.

Ein geschickt gefälschter Freibrief von Kaiser Friedrich I. Barbarossa machte Hamburg 1189 zur freien Stadt und seinen Hafen zum Tor zur Welt, dem drittgrößten Containerhafen Europas, weltweit auf Platz Siebzehn. Ich sehe zahlreiche Hightech-Terminals, es gibt 320 Schiffsanlegeplätze und135 Millionen Tonnen Fracht gehen hier über die Kai-Kante. Die Fahrt mit der 62er Fähre ist wie eine kleine Hafenrundfahrt und ein Erlebnis. Zwei große Containerschiffe werden an ihre Liegeplätze gelotst. Kurz vor Finkenwerder befindet sich das Lotsenhaus – heute ein Denkmal – , welches 1914 als Klinkerbau erstellt wurde. Im Turm befindet sich eine Uhr für die Kapitäne, eine große Pegelstandanzeige mit den Buchstaben F – für Flut und E – für Ebbe und die aktuelle Wasserstandsanzeige.

Rund um die Elbphiharmonie

Am Dockland gehe ich wieder ins BistrOceanN und esse eine köstliche Hummersuppe. So gewappnet fahre ich mit dem Bus zur Elbphilharmonie in der westlichen Hafen-City. Sie steht auf einem alten Kaispeicher, einem ehemaligen Lagerhaus im Hafen, mit spektakulärem Baustil – Backsteintradition mit jungem Stahl und noch mehr Glas. Manche der rund 1100 Glaselemente wurden bei 600 Grad Celsius in Italien exakt gebogen. In den Etagen 11-26 befindet sich das teuerste Wohnquartier Hamburgs mit 45 Luxuswohnungen. Das zuletzt verkaufte 400m² große Apartment ging für 10 Millionen Euro über den Tresen. Ich kann mir vorstellen, wie geil es ist, jeden Tag aus dieser Höhe auf das Treiben im Hafen herunterzublicken.

Ich besorge mir ein kostenloses Ticket für den Besuch und gleite nach Corona-Wartezeit mit Maske Corona-konform auf der gebogenen Rolltreppe „The Tube“ durch den gesamten Kaispeicher nach oben. Die „Elphi“ ist ein Konzerthaus der Superlative mit einzigartiger Akustik und hat den schönsten Balkon der Hansestadt. Auf der Außen-Plaza mit fantastischen Ausblicken umrunde ich das spektakuläre Gebäude. Die Köhlbrandbrücke, die seit 1974 das gleichnamige Hafenbecken überspannt, ist hier nicht mehr lange zu sehen. Sie ist marode, nicht sanierungsfähig und für heutige Großcontainerschiffe zu niedrig. Deshalb wird sie demnächst abgerissen und durch zwei Tunnelröhren unterhalb der Elbe ersetzt.

Kurz durch die Speicherstadt

Anschließend laufe ich wieder durch die Welterbestätte Speicherstadt. Sie war 1927 der größte Lagerhauskomplex der Welt mit einzigartiger maritimer Industriekultur. Die Backsteinspeicher lassen sich sowohl von Land und vom Wasser aus besichtigen. Das nehme ich mir für den nächsten Hamburg-Besuch vor. Einige der zwanzig Brücken über die sechs Fleete habe ich schon überschritten. Ich passiere erneut das Fleetschlösschen, einst Kaffeeklappe der Hafenarbeiter, und heute Treffpunkt der kreativen Szene. Gleich neben den Marco-Polo-Terrassen blickt der Seeräuber Klaus Störtebeker von seinem Sockel in die Ferne. Die 15,6 Tonnen schwere und 6×6 Meter große Schiffsschraube vor dem Internationalen Maritimen Museum ist wegen Fernsehaufnahmen leider gesperrt.

Hamburgs Ursprung und Hauptkirchen

Jetzt geht es vorbei am Historischen Domplatz mit dem Helmut-Schmidt-Haus
Hier stand der ehemalige Mariendom und vermutlich befinden sich unter dem Platz die Reste der frühmittelalterlichen ‚Hammaburg‘ aus dem 8. Jahrhundert, die als Keimzelle der Hansestadt gilt. Heute stehen hier 39 weiße Sitzgelegenheiten genau an den Standorten der Stützpfeiler der einstigen Domkirche.

Ich besichtige noch vier der Hamburger Hauptkirchen, St. Katharinen, St. Michaelis, die volkstümlichste Kirche Hamburgs und ein Musterbeispiel für norddeutschen protestantischen Barock, St. Jacobi, eine gotische Pilgerkirche mit Nordeuropas größter Barockorgel und St. Nikolai. Die Ruine der Hauptkirche ist ein Erinnerungsort und als Mahnmal „den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945“ gewidmet. Übrigens, 1874 war die Nikolaikirche bis zur Vollendung der Kathedrale von Rouen das höchste Bauwerk der Welt. Und das Ulmer Münster – wo ich auch schon war – ist sogar die höchste Kirche der Welt.

Damit geht ein ereignisreicher Tag zu Ende und ich lande wohlbehalten auf meinem Knaus Camping und ziemlich platt.

Schritte: 17.823

 

 

 

 

Kategorie Reiseland Deutschland

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