Verona statt Sirmione – ein Glücksfall

Montag, 24.09.2018

Hmmmm, es windet. Und zwar nicht wenig!
Der Wind fegt über unseren Agricampeggio und rüttelt beängstigend an der Markise, die wir sicherheitshalber einfahren. Der Himmel ist stahlblau, aber es hat nur 15 Grad.
Trotzdem wollen wir mit dem Schiff nach Sirmione.

Wir frühstücken tapfer draußen, denn in der Sonne fühlen sich 15 Grad wie 22 Grad an.
Dnn starten wir mit den Rädern zum Bardoliner Hafen und kommen sehr rechtzeitig an. Klaus will Karten kaufen und kommt mit einer doofen Nachricht wieder. Nix geht! Wegen Sturm und Wellengang fährt kein Schiff! Ich schnappe nach Luft und finde das ein ganz blödes Kein-Schiff-nach-Sirmione-Kino. Bin angefressen, obwohl ich zugeben muss, dass ich mich innerlich mit dem Thema schon vor der Fahrt zum Hafen beschäftigt habe.

Hafen Bardolino

Was nun? Es dauert nur einen Moment und die Entscheidung fällt. Wir besuchen Verona, die Hauptstadt der römischen Provinz Gallia Cisalpina, weltberühmt wegen der tragischen Liebesgeschichte von Romeo und Julia und natürlich seines römischen Amphitheaters, dem zweitgrößten hinter dem Kolosseum in Rom.

Wir hetzen durch Bardolino, erfragen die Touri-Info, kaufen Bustickets und 10 Minuten später sind wir auf Tour. Nach einer dreiviertel Stunde hält unser Verona-Express-Bus direkt auf der Piazza Brà, dem Herzen der Stadt. Und da steht sie auch schon, die altrömische Arena, ein mächtiges Monument aus Stein, dass Kaiser Tiberius um 30 n. Chr. erbauen ließ. Man lese und staune: Das passierte ein halbes Jahrhundert vor dem Bau des Kolosseums in Rom. Die Außenmauer aus rosafarbenem Marmor wurde von einem Erdbeben fast zerstört. Nur ein kleines Stück mit vier Arkaden blieb erhalten.

Klaus ist sofort Feuer und Flamme.
Wir beschließen, uns das mächtige Bauwerk von innen anzusehen. Kaum am höchsten Punkt des Monuments angelangt, ereignet sich ein Drama: Klaus‘ Sonnenkappe macht des starken Windes wegen den Abflug, bleibt aber glücklicherweise auf einem Mauerrand liegen. Blöderweise ist alles abgesperrt und die Kappe nicht einfach zu erreichen. Mit List und Tücke gelingt das Unmögliche und die Kappe verschwindet im Rucksack.
Heute ist die Arena übrigens Schauplatz zahlreicher Opernaufführungen und Konzerte für bis zu 22.000 Zuhörern. Kaum zu glauben, dass hier brutale blutige Gladiatorenkämpfe stattfanden. Wir sind beeindruckt von der Größe. Schön wäre es jetzt noch, wenn ein paar Opernarien aus einem Lautsprecher geschmettert würden!

Die Piazza Brà mit ihrer Parkanlage ist ein weit geschwungener Platz mit antiken Palästen und Bürgerhäusern aus dem 14. bis 16. Jahrhundert und einer Flaniermeile aus breiten Marmorplatten. Von den zahlreichen Straßencafés genießen die Besucher einen grandiosen Blick auf die antike Arena di Verona. Kaum zu glauben, dass hier einst eine römische Wiese war. Das ockerfarbene Rathaus mit seinen klassizistischen Säulen lädt auf den zahlreichen Treppen zum Ausruhen und staunen ein.

Jetzt starten wir unseren Stadtrundgang – natürlich mit einem Touri-Plan.
Ziel ist das Castellvecchio (1354-56), ein mittelalterliches Backstein-Kastell der Scaliger Fürsten und die 120 Meter lange, Zinnen bekrönte Flucht- und Festungsbrücke Ponte Scaligero direkt an der Etsch gelegen. Kaum zu glauben, dass die Brücke im 2. Weltkrieg von den Deutschen gesprengt und später originalgetreu wieder aufgebaut wurde.
Wir entschließen uns, an der ruhigeren Uferseite des Flusses bis zur nächsten Brücke, der Ponte della Vittoria, entlangzulaufen. Dabei genießen wir grandiose Blicke auf das Festungsensemle und das kristallgrüne Flussbett der Etsch. Gegenüber sehen wir den römischen Triumphbogen aus dem 1. Jh. Der alte Napolion hat ihn platt gemacht, die Venezianer haben ihn rekonstruiert.

Wir gelangen zur dreigeschossigen Porta di Borsari aus dem 3. Jh. Das ehemalige römische Stadt- und Haupttor wurde unter Kaiser Gallienus aus weißem istrischem Kalk erbaut. Wir laufen durch wunderschöne mittelalterliche Gassen und entdecken eine Pizzeria in einer ehemaligen Kirche.
Und dann gelangen wir auf den wichtigsten Platz Veronas, den Piazza delle Erbe. Er liegt an der Stelle des einstigen römischen Forums, der das politische, juristische, ökonomische und religiöse Zentrum Veronas bildete. Hier ist es quirlig, lebendig und bunt. Es gibt zahlreiche morbide wirkende historische Paläste aus verschiedenen Jahrhunderten.

Ins Auge fällt uns sofort der wuchtige Barockbau Palazzo Maffei von 1668 mit seinen Götterstatuen Zeus, Aphrodite, Apollo, Athene, Hermes und Herkules. Gleich nebenan liegt der mittelalterliche Uhrturm Torre del Gardello aus dem 14. Jahrhundert. Davor ragt eine venezianische Herrschaftssäule mit dem geflügelten Markuslöwen, dem Symbol der Republik Venedig, empor.
Der Palazzo Casa dei Mazzanti mit seinen Fresken begrenzt den Platz nach Osten. Im Zentrum thront über einem antiken Brunnenbecken die zum Symbol der Stadt gekürte „Madonna Verona“. Kurz daneben befindet sich der Marmorbaldachin des Capitello aus dem 15. Jh., von dem einst der Magistrat seine Beschlüsse verkündete.

Plötzlich entdeckt Klaus Menschen auf dem nahe gelegenen Torre di Lamberti, dem
Stadtturm von 1172. Nichts wie hin und rauf auf das Türmchen. Bei diesem Traumwetter muss  ein herrliches Panorama von Verona zu sehen sein. Wir nehmen den Aufzug und ersparen uns die 368 Treppenstufen. Und richtig. Die Aussicht ist spektakulär.

Es ist bereits später Nachmittag und ich brauche einen Aperol Sprizz und was Vernünftiges für den Magen. Klaus auch. Wir nehmen ein Ristorante direkt auf dem Piazza – koste es, was es wolle – und genießen das Gewusel und die vorbeiziehenden Flanierenden. Zum Abschluss unseres Verona-Sightseeing genießen wir noch das historische Ensemble auf der Piazza dei Signori. Wir gehen unter einem hohen Bogen durch ,dem Arco della Costa, unter dem eine einsame Walrippe baumelt!!

Im Palazzo dei Giudici aus dem 17. Jh. walteten die venezianischen Richter ihres Amtes. Rechts bewundern wir den romanischen Palazzo del Comune von 1194 und den Justizpalast der Scaliger von 1365. Auf der anderen Seite steht der Palazzo del Governo (das Regierungsgebäude. Als die Venezianer im 15. Jh. die Herrschaft in Verona übernahmen, bauten sie die Renaissance-Loggia Fra Giocondo. Soviel Geschichte auf einem Platz, wunderschön. Wir können eine Besichtigung von Verona nur jedem empfehlen. Und mitten drin thront eine Statue des Dichterfürsten Dante.

Auf dem Weg zum Express-Bus zurück nach Bardolino kommt das letzte Schmankerl für diesen Tag, das Casa di Giulietta mit dem berühmtesten Balkon der Literaturgeschichte. Er wurde erst in den 1930er Jahren angebaut und war zuvor Teil eines Sarkophags.
Der Durchgang in den Innenhof ist von zahlreichen Touristengenerationen bis zur Unkenntlichkeit verschmiert. Drinnen drängen sich Touris aus aller Welt, streicheln die Brüste der bronzenen Juliastatute und hoffen damit auf Glück in der Liebe.

Jetzt aber schnell zum Bus, weiter von Verona träumen, die geschwollenen Füße hochlegen und chillen. Morgen ist Vollmond.

 

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