Valle dei Templi Agrigento und eine heiße Fahrt zum Agricampeggio

Samstag, 17. Juni 2017
Zahlen – Daten – Fakten

Aha. Jetzt passiert es: Wetteränderung steht an. Agrigento und unser Strand haben sich unter Hochnebel versteckt. Die Hitzewelle bleibt uns nach Google jedoch erhalten. Wir genießen ein herrliches Frühstück im Schatten unserer  WOMO-Terrasse. Währenddessen kämpft sich die Sonne langsam aber stetig durch die Nebeldecke.

Nach dem Frühstück heißt es wieder rein in die Meeresfluten mit Blick auf die kleine, aber hübsch bewachsene Sanddüne. Wir genießen ausgiebig und verdrängen aufkommende Gedanken an die Hitze im Tal der Tempel. Der Himmel ist jetzt blau, das Meer auch und das Valle dei Templi liegt nur 6 Kilometer vom Campingplatz entfernt.

Beim Duschen bemerke ich Schmerzen im linken Fuß und kann plötzlich kaum noch laufen. Scheiße, denke ich, das kann doch jetzt nicht wahr sein! Der Fuß schwillt an. Ich vermute einen Insektenstich vom Strand, als ich auf der Jagd nach Bildern in der Düne herumgekraxelt bin. Das wird schon, denke ich, aber Pustekuchen. Die Lage bleibt, wie sie ist, beschissen.
Hab mich so auf das Tal der Tempel gefreut. Aber ich lasse es mir nicht entgehen. Fiete, Klaus und eine humpelnde Rentnerin starten um halbzwölf.

Wir steuern den Parkplatz ‚Porta V‘ an, einem der Eingänge ins Tal an. Campere no problemo!!! Dann gibt’s eine tolle Überraschung. Es gibt Taxen, die hinauf zum Hügel und direkt zur Tempelstraße fahren. Wie toll ist das denn! Wir löhnen pro Person 3 € und stehen wenige Minuten später nach einer rasanten Fahrt auf Reserve unseres sizilianischen Taxichauffeurs vor dem ersten Prachtstück. Wie Perlen auf einer Schnur sitzen die grandiosen Tempelbauten neben der südlichen Stadtmauer, dem Akropolishügel. In der Antike umringte die 12 Kilometer lange und bis zu 2 1/2 Meter breite Stadtmauer von Agrigentum.

Es ist heiß, 30 Grad, vom Meer her weht eine kühle Brise zu uns herauf und ein paar Gekkos sonnen sich auf den warmen Steinen. Das Tal entpuppt sich als ein Höhenrücken unterhalb der Oberstadt Agrigentos. Ich bewege mich humpelnd fort. Slowmotion ist angesagt, irgendwie geht’s. Mein Wille versetzt Berge. Es ist alles gut ausgeschildert und bestens erreichbar. Ich bestaune das im Hintergrund auf weiteren drei Hügeln thronende Agrigento, dass sich mit seinen braun-beigen Häuserschachteln passgenau in die Landschaft fügt. Den Hera-Tempel mit Ausblick auf die Hafenstadt Agrigents, Porto Empedocle, heben wir uns für das Ende der Besichtigung auf.

Wir tigern mit einem halben Stundenkilometer, wenigen Touris und laut schreienden Zikaden, die ‚Tempelstraße‘ an der alten Stadtmauer entlang. Hier stehen zahlreiche Oliven- und Mandelbäume. In der Mauer erkennen wir gut die byzantinischen Arkosoliengräber, die zu dieser Zeit als Friedhof genutzt wurde. Wir bestauen die erst 2005 bei Ausgrabungen gefundenen Büsten und erreichen das Prachtstück des Tals, den majestätischen Concordia-Tempel, ein Wahrzeichen Siziliens.

>>Mich dünkt, von halberhabener Arbeit nichts Herrlicheres gesehen zu haben, zugleich vollkommen erhalten. Der Tempel der Konkordia hat so vielen Jahrhunderten widerstanden; seine schlanke Baukunst nähert ihn schon unserm Maßstabe des Schönen und Gefälligen, er verhält sich zu denen von Pästum wie Göttergestalt zum Riesenbilde. <<
Goethe über das Tal der Tempel und den Concordia-Tempel

34 dorische Säulen tragen Gebälk und Giebel. Er gehört zu den besterhaltenen Tempeln der griechischen Antike, offensichtlich deshalb, weil er ab dem 6. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert als Kirche genutzt wurde. Davor liegt eine moderne Bronzeskulptur eines polnischen Bildhauers, die den ins Meer abgestürzten Ikarus zeigt.
Ein Stückchen weiter thronen acht Säulen des archaischen Herakles-Tempel in der Landschaft. Er ist der älteste Tempel im Tal und wurde von einem Erdbeben zerstört. Acht Säulen wurden wieder aufgerichtet. Dahinter finden wir, was von mehr als 2.500 Jahren bewegter Geschichte übrig blieb.

Ein Schmuckstück liegt in Trümmern: der riesige Tempel des olympischen Zeus mit gigantischen Ausmaßen. Hunderte mächtiger Säulen liegen kreuz und quer durcheinander. Er gehört zum größten Heiligtum, dass die Griechen je errichtet haben. Sein Bau wurde 480 v. Chr. begonnen, nie vollendet und er war fast so groß wie ein durchschnittliches Fußballfeld. 14 überlebensgroße Atlanten trugen das Gebälk, zwei davon liegen wie Riesenmumien und mit einer Größe von 7 ½ Metern in den Tempelruinen. Sie verdeutlichten Macht und Schönheit. Der unvollendete Tempel war ein Monument des Triumphes über die Karthager.
Die charakteristischen vier Säulen des Castor- und Polluxtempels gebe ich auf. Jetzt kann der Fuß nicht mehr weiter humpeln. Ich entschließe mich wehmütig für den Rückweg.

Unterwegs machen wir ein Schattenpäuschen in einer Bar, legen den Fußklumpen hoch und trinken eiskaltes sizilianisches Bier. Den Tempel der Hera schaffe ich noch. Er liegt direkt am Ausgang und auf dem höchsten Punkt des Hügels. Er wurde 450-420 v. Chr. gebaut. Die Säulen wurden im 18. Jahrhundert wieder aufgerichtet. An der Ostseite stehen die Reste eines fast 300 m² großen Opferaltars. Am Ausgang warten wir nur 5 Minuten auf ein Taxi. Schon 10 Minuten später sind wir wieder bei Fiete. Die Parkgebühren sind moderat. Wir löhnen 5 € und lüften Fiete erst mal gut durch.

Es ist halbvier und wir starten nach Zentralsizilien. Ziel ist Piazza Armerina mit der Villa Romana del Casale. In der Nähe gibt es nach Angaben mehrerer Reiseführer einen tollen Camping-Agritourismo, auf dem ein vorzügliches Überraschungsessen serviert wird. Darauf freuen wir uns und sind gespannt. Ab jetzt entwickelt sich eine dramatische Fahrt durch Sizilien!!!

Wir beginnen sie auf der gut ausgebauten SS 640. Alles ist toll, wir kommen zügig voran und haben kaum Verkehr. Die Klimaanlage funktioniert bestens, alles ist im Lot. Bis der Ausbau der Straße abrupt endet und einspurig, löchrig und holperig wird. Alle 5 Kilometer müssen wir eine Umleitung fahren, da der Ausbau der Strecke stark vorangetrieben wird. Die Schrappnelle verliert völlig die Übersicht und wir irren durch die Umleitungsstraßen „mit ohne“ Hinweisen. Es ist eine brütende Hitze. Fietes Thermometer zeigt 34 Grad Außentemperatur.

Dann haben wir im Navi wieder Empfang, werden auf eine Strada Provinciale geleitet, die uns zwar durch fantastische Hügel, beige-braunes Ackerland, Obstplantagen und Olivenhaine führt, aber extrem kurvig, schlecht und schmal ist. Das kostet unendlich viel Zeit. Klaus ist schon mürrisch. Endlich erreichen wir Zivilisation, den Ort Barrafranco an der SS 191. Hier erscheint alles ausgestorben, es gibt null Hinweisschilder, jedenfalls nicht da, wo wir gerade sind, und eine enge Straße, in die wir uns mit Fiete nicht hineintrauen. Klaus stoppt ein uns entgegenkommendes Auto, um nach dem Weg zu fragen. Der Fahrer nickt nur, hat verstanden und zeigt uns an, dass wir ihm nachfahren sollen. Er begleitet uns durch den gesamten Ort an die entsprechende Abfahrt. Ganz großes sizilianisches Hilfskino!!! Wir winken uns zu, sind begeistert und ich habe trotz Hitze eine Gänsehaut. Hoffnung keimt auf.

Gegen halbsechs erreichen wir die Villa Romana, die als Ausgangspunkt für die 13 Hinweisschilder mit dem ‚Fuchs‘ angegeben ist, die uns zum Ziel führen sollen. Klasse, Klaus entdeckt  zwei dieser verblichenen Hinweisschilder, die uns jedoch wieder nach Piazza Armerina führen. Hier irren wir hoch und runter, rübber und nübber und die Schrappnelle ist außer Gefecht. Wir fragen einen Polizisten und landen nach dessen Aussage irgendwann völlig entnervt mitten in der Pampa auf einem unbefestigten staubigen Weg. Mittlerweile sind es draußen 38 Grad. Jetzt ist Schluss, Klaus fährt jetzt keinen Meter weiter. Wir begutachten die Lage, wenden irgendwie und befragen endlich ‚OK Google‘. Sie bringt uns bestens, aber völlig entnervt, ans Ziel. Es ist 20 Uhr und wir haben 4 ½ Stunden Hitze-Fahrt hinter uns. Ganz großes Umherfahr-Kino!

Vor ‚OK Google‘ hatten wir unser Ziel schon aufgegeben.Klaus entdeckt einen feudalen Agri CP ‚Savocca‘. Wir fahren hinein, um dort zu bleiben. Aber heute ist Pech-Tag!!! Wegen einer Hochzeit wird heute kein Camper aufgenommen!!!

Mit uns kommt ein Ehepaar aus Trier an, ein Italiener und ein Österreicher sind schon da, und das war’s dann auch schon.  Der Stellplatz ist eine ungepflegte Wiese. Wir sind total enttäuscht, erschöpft, genervt und deshalb nicht gerade bester Laune. Notgedrungen gehen wir essen, der Kühlschrank ist leer. Das Essen ist gut, 10 Vorspeisen, 2 Nudelgerichte, Obst und Kuchen, Café, Likör und Vino, aber wir können nicht genießen.

Fiete auf dem Bauernhof

Natürlich reden wir über die Fahrt, was wir besser machen können. Natürlich gib es Diskussionen und die dauern lange.
Es ist sternenklar, aber ich will das heute gar nicht sehen.

 

4 Kommentare

  1. Jetzt habe noch den 17. Juni mit den vielen schönen Bildern gefunden. Und jetzt? Wie geht’s weiter? Auf jeden Fall gute Reise und viel Glück und Spaß wünscht euch Renate 😎

    • Hallo Renate,
      es ist ein Kreuz mit dem WiFi auf Sizilien!! Und Texte und Bilder benötigen auch viel Zeit. Und Du kennst ja meinen Anspruch. Es soll toll werden! Deshalb hinke ich hinterher und stelle nach und nach ein. Da wir morgen nach Hause fahren, werde ich die restlichen Beiträge und schönen Bilder zu Hause schreiben und einstellen. Ganz liebe Grüße, Ingrid und Klaus

    • Hallo Renate,
      ja, der Fuß ist wieder dünn, aber irgendwie ramponiert. Es war so schade, weil es noch viel mehr zu sehen gegeben hätte. Aber….s iss wies iss….
      Gruß Ingrid

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.