Eine grandiose Schlucht und ein wehmütiger Abschied vom Ätna

Dienstag, 20. Juni 2017
Zahlen – Daten – Fakten

Ich stehe früh auf, besorge Pane beim Conad und schlendere durch die Campinganlage, auf der jeder Camper seine eigene, abschließbare Toilette und Dusche hat. 42 Plätze sind für Wohnmobile reserviert, 300 für Zelte und Wohnwagen und haufenweise Plätze für Dauercamper, die sich sehr gut  und ordentlich auf dem Areal einschmiegen.
Ich komme zurück und werde mit einem gedeckten Frühstückstisch auf der WOMO-Terrasse überrascht. Ein letztes Bad im Meer und wir starten um 12 Uhr. Natürlich haben wir getrödelt, weil es uns hier soooo gut gefällt. Hilft nix, die Fähre wartet nicht, bis wir Bock zum Nach-Hause-fahren haben, denn der Arbeitnehmer muss wieder seinem Job nachgehen.

Auf dem Weg zum Fährhafen Termini Imerese werden wir einem Tipp von Freunden folgen. Wir steuern die ‚Riserva Naturale Orienta Cavagrande del Cassibile‘ bei Avola an der Ostküste Siziliens an, eine gigantische Schlucht mit türkisfarbenen Wasserbecken.
Wir fahren entlang der Küste, das dunkelblaue Meer immer an unserer Seite. Es ist sonnig und 28 Grad. Genau an der Stelle, wo sich die SP 12 zur Schlucht hinaufschraubt, versagt mal wieder die Schrappnelle. Wir verpassen die Abfahrt und landen auf der SS Richtung Siracusa. Na, das ist ja wieder ganz großes Vorbeifahr-Kino!

‚Ok Goggle‘ wird aufgerufen – ich denke, warum nicht gleich – das Smartphone läuft heiß und führt uns punktgenau zum ‚Ingresso der Schucht‘. Die offiziell ausgeschilderten Wohnmobil-Parkplätze sind – außer mit zwei Campern – alle mit PKWs und Motorrädern belegt. Ganz großes Park-Kino! Wir parken sizilianisch und stellen uns seitlich ins Halteverbot, basta. Mit so viel Besucher-Traffic haben wir nicht gerechnet, zumal wir erst gegen 15 Uhr ankommen.

Die Cavagrande del Cassibile ist ein 10 Kilometern langer Canyon und bis zu 250 Meter tief. Sie liegt in den Äusläufern der Monto Iblei und hat zahlreiche sikelische Nekropolen aus dem 13. Jahrhundert VOR u.Z. Die Sikuler waren die antiken Bewohner Ost- und Zentralsiziliens, auf die die Totenstädte zurückzuführen sind.

Um halbvier starten wir nach ersten atemberaubenden Blicken vom Hochplateau mit der Bar zum Abstieg in die Schlucht – bei schwülwarmen 29 Grad. Ziel sind die kristallgrün schimmernden ‚Laghetti‘, begehrte Badegumpen für die Wanderer zwischen terrassenartigen hellen Steinplatten. Der Weg führt über hohe Steinstufen über Serpentinen steil den hang hinunter steil, ist steinig, schmal und nur manchmal mit Holzbalken gesichert. Dafür werden wir mit fantastischen Ausblicken auf die grandiosen, steilen Bergwände belohnt. Üppige Macchia und riesige asiatische Planen bestimmen das Landschaftsbild. Immer wieder läuft uns das Wasser im Munde zusammen, wenn wir die fantastisch schimmernden glasklaren Badegumpen in der Tiefe erblicken. Ich will da jetzt rein, denke ich, und habe noch mindestens 100 Meter Abstieg vor mir. Mittlerweile hat es sich bewölkt.

Wir entdecken die Nekropolen aus dem 12. bis 8. Jahrhundert vor u.Z., hören in der Ferne die Glocken einer Ziegenherde, freuen uns über blühenden Oleander und den Duft der Macchia mit ihren zahlreichen Thymiansträuchern. Die Ziegenherde ist nicht zu erkennen, da sie sich offensichtlich gut an die natürlichen Farben der Landschaft angleicht.

Wow, endlich. Wir hören jauchzende Stimmen, die aus den Badegumpen kommen müssen. Nach 1 ¼ Stunden Abstieg erreichen wir das Traumziel. Umgeben von Felswänden öffnet sich das Tal in seiner ganzen Pracht. Phänomenal. Klaus ist begeistert. Erstmal auf die glatt gespülten Felsplateaus setzen, das Flusstal genießen, die Macchia riechen, die Oleandersträucher und Schilfbüschel bewundern und die sagenhaft tiefgrüne Wasserfarbe genießen. Ganz großes Paradies-und-Gumpen-Kino!

Und schon isser drin, der Klaus. Er liebt Gumpen über alles. Das Wasser hat eine angenehme erfrischende Temperatur. Ist man erstmal drin, will man gar nicht mehr raus. Die großen, runden Steine am Rande der Platten sind aalglatt. Ich passe auf wie ein Luchs, und rutsche den Rest auf meinem Bobbes in das grünliche klar schimmernde Nass. Es ist ein Traum. Klaus erforscht noch zwei weitere Gumpen und entdeckt einen Wasserfall. Wir wären gerne noch geblieben, aber die fortgeschrittene Zeit mahnt zum Aufbruch.

Nach einer Stunde Genuss beginnen wir den Aufstieg. Nur nicht nach oben gucken, sage ich mir. Immer schön langsam und regelmäßig Schritt für Schritt nach oben trotten. Wir haben Glück, dass der Pfad jetzt meist im Schatten liegt. Natürlich ist es anstrengend, der Schweiß rinnt und ich denke pausenlos an die herrlichen Gumpen.  Plötzlich ändern sich die Gedanken in Richtung Kaltgetränke aus der Bar. Und richtig, nur noch zwei Wegbiegungen und wir kommen leicht erschöpft, aber mit tollen Natureindrücken nach einer dreiviertel Stunde Aufstieg wieder am Ausgangspunkt an. Bei Bier und Eistee schauen wir uns das Naturspektakel nochmal an und ich bin ein bisschen stolz, dass die RentnerinAuf- und Abstieg ohne Blessuren gemeistert hat.

Das war Sizilien: Sonnen-Insel der Gegensätze am südlichen Zipfel Europas, schroffe Steilküsten, kilometerlange Sandstrände, glasklares türkisschimmerndes Meer, sanfte grün-braune Hügel, wilde Mittelgebirge, fruchtbare Täler, lebendiges Leben und ein großartiger Berg der Berge! Bella bellissima!

Wir starten die letzten 260 Sizilien-Kilometer und fahren über die SP 12  und die SS 194, SS 115, SS 287 und die Autobahn Siracusa – Catania – Enna nach Termini Imerese, wo unser Sizilienabenteuer am 6. Juni begann.
Wir bewegen uns wieder durch die endlosen Weizenfelder Zentralsiziliens, die heute in einem ganz anderen Licht erscheinen, als in der sengenden Tageshitze. Es geht durch Olivenhaine, vereinzelte Höfe, vorbei an wenigen Ortschaften bei sehr wenig Verkehr. Die Dämmerung ist voll im Gang, die untergehende Sonne klemmt sich zwischen malerische Wolken und beleuchtet die Bergketten, die langsam an uns vorbeifliegen. Und plötzlich ist er wieder da, der majestätische Mongibello, erst entfernt im Dunst, dann immer klarer. Und wieder haben wir Glück, sehen die Bergspitze mit den einzelnen Kratern und der ihm eigenen Rauchfahne. Da ich Fiete fahre, kann Klaus den Anblick des dahin dämmernden, aber gefährlichen Vulkans noch lange Zeit genießen.

Abschied Mongibello aus dem fahrenden Fiete

Den Hafen von Termini Imerese erreichen wir Punkt  22 Uhr. Klaus tauscht unser Fährticket gegen eines der Grandi Navi Veloci aus – diesmal wissen wir ja Bescheid, was zu tun ist. Ein Schnellimbiss ist vor Ort, bei dem wir eine Kleinigkeit zu essen besorgen. Danach wird’s langweilig. Warten, warten, warten ist angesagt. Es ist kaum Traffic im Hafen, die Fähre fährt mehr als halbleer zum italienischen Festland. Ich döse und Klaus beobachtet das Treiben der Wartenden. Um Null Uhr 15 ist endlich Boardingtime. Fiete ist der einzige Camper an Bord. Wir haben dieselbe Kabine auf demselben Schiff, laden nur unser Gepäck ab und verschwinden sofort in den Kojen, diesmal mit Ohrstöpseln. Den Start gegen 2 Uhr versäumen wir von Sizilien träumend im Schlaf. Die Sommersonnenwende kann uns mal.

Der Sternenhimmel bleibt unbeobachtet.

 

2 Kommentare

  1. Kerstin Scire

    Hach, jetzt habe ich noch richtig Gänsehaut bekommen zum Abschluss – wie schade, dass das Mitreisen durch Sizilien nun ein Ende hat, ich bin euch soo gerne täglich gefolgt! Danke, dass du uns an euren Eindrücken und Erlebnissen teilhaben lässt, es hat wieder richtig Spaß gemacht 🙂
    Und wir sollten bald mal wieder ein „Teamlunch“ einplanen!

    Alles Liebe
    Kerstin

    • Hallo Kerstin,
      ich habe mir richtig Sorgen gemacht, wo Du bist! Sonst meldest Du Dich immer mit einem Kommentar…..
      Schön, dass es Dir gefallen hat. Mir hat es auch Spaß gemacht zu schreiben und zu fotografieren, aber es gab viele Hindernisse und großen Zeitmangel. Deshalb habe ich ab dem 18. Juni aufgegeben und die Veröffentlichungen auf zu Hause verlegt. Es gibt noch Einiges zu tun.
      Teamlunch?!: unbedingt. Ihr habt bestimmt viel zu erzählen… JP Morgan, Kinderfest usw.
      Machst Du einen Vorschlag?
      Liebe Grüße
      Ingrid und Klaus

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