Berge, Schluchten und urige Dörfer

Donnerstag, 8. Juni 2017
Zahlen – Daten – Fakten

Um 7 Uhr wache ich auf und habe ausgeschlafen. Ich schnappe die Kamera und mache einen Morgenspaziergang entlang des Tindari-Felsens. Es ist eine gespenstische Ruhe, die nur durch das Kreischen der Möwen oberhalb der Felsspitze unterbrochen wird. Ich bewege mich in einem sensationell schönen Wander- und Jogging Gebiet. Riesengroße Agaven mit wahnsinnig hohen Blütenständen, saftiges Grün und zwischen Strand und Fels eine kleine Lagunenlandschaft.
Ganz selten kommt ein Jogger vorbei, ein Pärchen sucht auf der weiten Landzunge ein Plätzchen in der Morgensonne, ein Radfahrer genießt die Einsamkeit und ein junger Vater trägt sein Kind verträumt vor dem Bauch und schwelgt in der Zweisamkeit. Ich entdecke in der Lagune einen weißen Reiher, der sich auf den Fotos als Flamingo entpuppt. Einfach wunderbar. Nach einer Stunde komme ich zurück und blogge bis zum Frühstück.

Das bereitet Klaus zu, der sich mittlerweile aus dem Bett getraut hat. Der Himmel ist stahlblau, die Berge sind wolkenfrei und das bedeutet super Sicht für unsere Bergtour Richtung Taormina. Kurz vor dem Start checke ich das Wetter am Ätna: heute und Morgen sonnig und klar! Super!!! Wir handeln spontan und ändern unsere Route.

Wir starten spät, es ist fast Mittag, und entscheiden uns deshalb für die Autobahn. Unglücklicherweise gibt es keine Abfahrt zur SS 185 – da wollen wir hin. Wir landen in einem wuseligen Städtchen – Ortseingangsschilder gibt es meist nicht – fahren hin, fahren her, was die Schrappnelle völlig aus dem Konzept bringt. Ich will weiter und werde nervös. Klaus stürzt sich auf unser Ersatznavi. Es braucht gefühlte 20 Minuten, um uns dann einen Streckenvorschlag von 1.385 km ab Frankfurt zu unterbreiten. Na toll!  Wir schalten unser Gehirn ein und vermuten ein GPS-Problem. Irgendwie rödeln sich die beiden zurecht und lotsen uns übereinstimmend eine kurvige Bergstraße hinauf, die – natürlich erst nach 10 Kilometern!!! – auf einer Strecke von 15 Metern ca. ½ Meter abgerutscht ist. Für Fiete unbefahrbar. Mein Blutdruck ist auf 180. Klaus äußert sich nicht.

Er übernimmt das Steuer und fährt die gesamte Strecke zurück. Das kostet uns knappe 50 Kilometer und 1 ½ Stunden Zeitverlust. Ganz großes Auto-und-Navi-Kino!!! Irgendwann sind wir in der richtigen Spur und landen bei herrlichstem Wetter, unbeschreiblich imposanter Natur, wunderbaren Ausblicken aufs Meer und auf die Berge in Nuovo, einem urigen Bergdorf. Hier chillen wir bei Espresso und Gelato für‘n Appel und ‘n Ei.
Auf der Weiterfahrt zeigt sich plötzlich wie aus dem Nichts der Ätna am Horizont, rauchend, majestätisch, ruhig, wolkenlos. In diesem Moment ein lauter Schrei: Klaus sieht eine 1,50 Meter lange schwarze Natter, die sich direkt auf der Straße in der Sonne aalt.

Wir erreichen die wildromatische Basaltschlucht Gole dell‘ Alcantara, deren Entstehung auf einen Vulkanausbruch 2400 v. Chr. zurückgeht. Wir parken Fiete bewacht gegen eine 5 € Spende. Wir können hier mit dem Aufzug hinunter in die Schlucht sausen oder aber eine öffentliche Treppe benutzen. Die ist aber nicht mehr öffentlich und kostet jetzt je 2 € Benutzungsgebühr. Dafür gelangen wir sehr bequem auf dem touristisch ausgebauten Weg hinunter in die Schlucht. Wow, ich sehe zum ersten Mal Säulenlava, die sich entlang der Basaltwände gebildet hat. Sie entstand vor einigen tausend Jahren, als das Flussbett durch einen Lavastrom des vulkanischen Schlackekegels bei Mojo Alcantara blockiert wird. Da die Lava durch Wasser sehr schnell abgekühlt, nahm sie beim Erstarren eine besondere Form an. Und die nennt man Säulenlava, die Säulenlava.
Wir kämpfen beim Durchwaten des 14 Grad kalten Wassers mit der starken Strömung und lassen dabei dieses Naturspektakel  auf uns wirken. Klaus ist neugierig und watet hinein in die 400 Meter lange Schlucht, die teilweise nur 8 Meter breit ist.

 

Jetzt aber nichts wie auf zum Berg der Berge, zum ‚Mongibello‘, wie ihn die Sizilianer liebe- und respektvoll nennen. In Milo, kappe 15 Kilometer vor dem Rifugio Sapienza wollen wir campen und stehen – nachdem wir uns mühsam auf 720 Meter Höhe von Giarre aus hochgekämpft haben – vor einer schrottreifen Holzbude und einem Schweiter Camperpaar! Ganz großes Camper-Kino!!! ‚Wir sind autark und bleiben jetzt hier‘, meinte das Paar in unserem Alter. Autark hin und her, das sind wir auch, denkt Klaus, will aber trotzdem weiter nach Nicolosi. Wir hängen also weitere 45 Kilometer dran und erreichen einen schönen Campground, der sich ‚Startpunkt zum Etna Sud‘ nennt..

Ich koche ein fantastisches Menü, nehme eine herrliche Dusche  und danach ein paar Gläschen Wein. Es ist still. Die Vorfreude auf den unberechenbaren Vulkan steigt.
Es ist sternenklar.

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